Post-Quanten-Kryptografie ist für Unternehmen weniger eine reine Technologiefrage als ein Transparenz-, Risiko- und Steuerungsthema. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, den Übergang unternehmensweit planbar zu machen: Wo wird Kryptografie eingesetzt, welche Daten und Systeme sind betroffen, welche Risiken haben Priorität und wie werden Maßnahmen gesteuert?
In vielen Unternehmen ist Kryptografie über die gewachsene IT-Landschaft verteilt und nur teilweise erfasst. Häufig fehlt eine zentrale Sicht darauf, welche Verfahren wo eingesetzt werden, welche Daten sie schützen und welche Systeme voneinander abhängen. Genau diese Transparenz ist aber die Voraussetzung, um Quantenrisiken zu bewerten und eine Migration zu postquantensicherer Kryptografie zu planen.
Post-Quanten-Migration ist deshalb kein punktueller Technologiewechsel, sondern ein unternehmensweites Steuerungsthema. Sie erfordert ein kryptografisches Inventar, risikobasierte Priorisierung, klare Governance und eine Roadmap, deren Maßnahmen, Risiken, Architekturvorgaben und Ausnahmen gesteuert werden.
Warum jetzt?
Für vertrauliche Daten mit langer Schutzdauer entsteht das Risiko bereits heute: Angreifer können verschlüsselte Kommunikation oder Datenbestände speichern und später entschlüsseln, sobald ausreichend leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind. Gleichzeitig benötigen große Organisationen Jahre, um Kryptografie systematisch zu migrieren. Wer erst startet, wenn der Handlungsdruck akut ist, riskiert, kritische Bereiche nicht rechtzeitig umstellen zu können.
- Harvest now, decrypt later
Daten mit langfristigem Schutzbedarf können heute abgegriffen und zu einem späteren Zeitpunkt mit leistungsfähigen Quantencomputern entschlüsselt werden. - Migration als Zeit- und Abhängigkeitsrisiko
Kryptografie ist in vielen Anwendungen, Plattformen und Lieferantenprodukten eingebettet. Da sich viele Abhängigkeiten nicht kurzfristig ändern lassen, wird die Migrationsdauer selbst zum Risiko: Kritische Bereiche könnten ohne frühzeitige Planung nicht rechtzeitig umgestellt werden.
Zielhorizonte für die Migrationsplanung
2026 ist kein ferner Meilenstein mehr, sondern der aktuelle Startpunkt für strukturierte PQC-Readiness. Unternehmen sollten jetzt Verantwortlichkeiten, Umfang, Risikoansatz und Vorgehen für die kryptografische Bestandsaufnahme festlegen. Die folgenden Zielhorizonte sind keine unmittelbar verbindlichen regulatorischen Fristen, sondern Planungsanker aus der europäischen Roadmap sowie technischen Empfehlungen.
| 2026 | Unternehmen sollten die PQC-Migration organisatorisch und fachlich vorbereiten: Zuständigkeiten klären, den Einstieg in die kryptografische Bestandsaufnahme planen und Kriterien für die spätere Bewertung und Priorisierung festlegen. In ausgewählten Pilotbereichen sollte erprobt werden, wie kryptografische Nutzung zuverlässig identifiziert, dokumentiert und für die weitere Migrationsplanung nutzbar gemacht werden kann. |
| 2030 | Besonders risikobehaftete Anwendungsfälle sollten auf PQC umgestellt sein. Dazu gehören insbesondere langfristig vertrauliche Datenbestände und weitere Anwendungsfälle, bei denen eine spätere Kompromittierung erheblichen Schaden verursachen würde. |
| Ende 2031 | BSI-Referenzpunkt: Klassische asymmetrische Verfahren für Verschlüsselung und Schlüsseleinigung sollten danach nicht mehr allein eingesetzt werden. |
| 2035 | Die PQC-Migration sollte breit umgesetzt sein. Verbleibende niedrig priorisierte Anwendungsfälle und Ausnahmen sollten begründet, risikobewertet und aktiv gesteuert werden. |
Für regulierte Unternehmen können diese Zielhorizonte faktisch zu relevanten Steuerungsgrößen werden. Anforderungen aus IKT-Risikomanagement, Kryptografie, Drittparteiensteuerung und Prüfbarkeit können durch Standards, nationale Umsetzung, Branchenvorgaben und Aufsichtspraxis weiter konkretisiert werden. Umso wichtiger ist es, Quantenrisiken heute nachvollziehbar zu erfassen, zu bewerten und in Roadmaps zu überführen.
Unser Ansatz
Wir verbinden kryptografisches Verständnis mit Transformations-, Governance- und Umsetzungsfähigkeit. Der Fokus liegt nicht nur auf der Auswahl von Zielalgorithmen, sondern auf den Entscheidungsgrundlagen, Prozessen und Steuerungsstrukturen, die für eine erfolgreiche Migration erforderlich sind.
- Kryptografie erfassen und inventarisieren
Aufbau eines belastbaren Kryptografie-Inventars als Grundlage für Risikoanalyse, Priorisierung und Migrationsplanung über relevante Anwendungen, Plattformen, Infrastrukturen, Cloud-Dienste und Lieferanten hinweg. - Quantenrisiken bewerten und priorisieren
Bewertung von PQC-Risiken entlang von Schutzbedarf, Datenlebensdauer, Exposition, Migrationsdauer und Systemabhängigkeiten. - Zielbild, Hybridstrategie & Roadmap
Entwicklung eines Zielbilds für den Übergang zu quantensicheren Verfahren, einschließlich Hybridansätzen, Zielalgorithmen, Migrationswellen und priorisierten Umsetzungsschritten. - Governance verankern
Übersetzung der PQC-Roadmap in Vorgaben für Architektur, Risikomanagement, Change, Beschaffung und Lieferantensteuerung. Dazu gehören Kryptoagilität, Updatefähigkeit, Lieferanten-Roadmaps und Ausnahmebehandlung. - Piloten umsetzen und Fortschritt steuern
Umsetzung über priorisierte Piloten, gestaffelte Rollouts und kontinuierliche Fortschrittssteuerung.
Standards und regulatorischer Kontext
Internationale Standards und europäische Roadmaps machen deutlich: Unternehmen sollten PQC-Migration nicht als spätere Technologieentscheidung behandeln, sondern als Bestandteil von Cyber-Resilienz, IKT-Risikomanagement, Architekturprinzipien und Lieferantenmanagement.
| Quelle | Relevanz für die PQC-Migration |
| EU PQC Roadmap | Koordinierter europäischer Orientierungsrahmen: Erste Schritte bis Ende 2026, High-Risk-Use-Cases bis Ende 2030, breite Migration bis 2035. Primär an Mitgliedstaaten gerichtet, aber relevant als Planungsanker für kritische und regulierte Organisationen. |
| BSI TR-02102-1 | Technische Empfehlungen zu kryptografischen Verfahren, hybriden Ansätzen und dem zeitlich begrenzten alleinigen Einsatz klassischer asymmetrischer Verfahren. |
| NIST SP 1800-38B | Leitfadenentwurf zur Identifikation kryptografischer Nutzung (Cryptographic Discovery) und zum Aufbau kryptografischer Inventare über Code, Systeme, Protokolle, Zertifikate und Betriebsumgebungen hinweg. |
| ETSI TR 104 016 | Wiederholbares Framework für Architekturaufnahme, Inventarisierung, Abhängigkeitsanalyse, Risikobewertung, Priorisierung, Migrationsplanung und Umsetzung. |
Wie Unternehmen jetzt starten können
Der pragmatischste Einstieg in die Post-Quanten-Migration ist ein klar abgegrenzter Discovery-Pilot in einem geschäftskritischen, aber beherrschbaren Bereich, z. B. einer kritischen Anwendung, einer ausgewählten Plattform oder einer CI/CD-Pipeline.
Ziel des Piloten ist es, Transparenz über die tatsächlich eingesetzte Kryptografie zu schaffen und die PQC-Readiness der relevanten Systeme zu bewerten. Dafür werden kryptografische Verfahren, Zertifikate, Protokolle, technische Abhängigkeiten und Lieferantenbezüge strukturiert erfasst und in ein Kryptografie-Inventar überführt. Ergänzend wird bewertet, welche Komponenten krypto-agil sind, wo technische oder organisatorische Migrationshindernisse bestehen, welche Abhängigkeiten zu Herstellern oder Dienstleistern relevant sind und wo Risiken durch langlebige schützenswerte Daten bestehen.
Als Ergebnis liefert der Pilot ein qualitätsgesichertes Kryptografie-Inventar, eine PQC-Readiness- und Risikobewertung, identifizierte Quick Wins, offene Lieferantenfragen sowie einen priorisierten Maßnahmen- und Rollout-Plan für weitere Bereiche. Damit entsteht ein messbarer, steuerbarer und umsetzungsnaher Einstieg in ein breiteres PQC-Migrationsprogramm.


